Was ist eigentlich Migräne?
Was bedeutet die Diagnose Migräne und woran erkennt man sie im Alltag? Hier erfährst du, welche Beschwerden typisch sind, wie Ärztinnen und Ärzte abgrenzen und was häufig hilft.

Arzt und Mitgründer
Auf einen Blick
- Migräne ist eine Erkrankung des Gehirns und Nervensystems und deutlich mehr als „nur“ Kopfschmerz.
- Typisch sind wiederkehrende Attacken mit oft einseitig pochendem Schmerz, Übelkeit sowie Licht- und Lärmempfindlichkeit.
- Auslöser können Stress, Schlafrhythmus, Hormone, Umweltreize oder Ernährung sein und sind individuell sehr unterschiedlich.
- Die Abklärung erfolgt vor allem über Anamnese und Untersuchung; Bildgebung dient meist nur dem Ausschluss anderer Ursachen.
Was bei Migräne im Körper passiert
Während einer Migräneattacke gerät das Zusammenspiel von Reizverarbeitung und Schmerzregulation im Gehirn vorübergehend aus dem Takt. Schmerzleitende Bahnen – insbesondere über den Trigeminusnerv – werden aktiviert und übertragen Signale aus den Hirnhäuten und den sie umgebenden Gefäßen. Dabei werden Botenstoffe wie CGRP freigesetzt, die eine entzündungsähnliche Reaktion fördern. Dadurch steigt die Empfindlichkeit des Kopfes, Schmerzen werden stärker wahrgenommen, und Reize wie Licht, Geräusche, Gerüche oder Bewegung werden schneller als belastend empfunden. Häufig besteht eine genetische Veranlagung, die beeinflusst, wie erregbar Nervenzellen sind und wie Reize verarbeitet werden.
Info
Migräne entsteht durch eine komplexe, meist erblich bedingte Funktionsstörung im Gehirn, bei der Nervenzellen überreagieren, Botenstoffe freisetzen und entzündliche Prozesse an Hirnhäuten sowie Blutgefäßen auslösen
Typische Anzeichen und Verlaufsmuster
Typische Anzeichen und Verlaufsmuster bei Migräne folgen oft einem wiederkehrenden Muster. Häufig beginnt es mit einem mittelstarken bis starken Kopfschmerz, der eher einseitig sitzt und als pulsierend oder pochend beschrieben wird. Viele Betroffene merken außerdem, dass normale Bewegung – etwa Treppensteigen oder Gehen – die Beschwerden verstärken kann, weshalb Ruhe oft als entlastend erlebt wird. Sehr typisch sind Begleitsymptome wie Übelkeit (manchmal auch Erbrechen) sowie eine starke Empfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen; manche reagieren zusätzlich auffällig auf Gerüche. Wichtig: Migräne ist damit meist mehr als „nur“ Schmerz, sondern eine Attacke, bei der der ganze Körper auf Reize überfordert reagieren kann.
Zum Verlauf gehört bei manchen Menschen eine Aura, also vorübergehende neurologische Symptome, die meist vor dem Kopfschmerz auftreten, sich langsam entwickeln und nach einiger Zeit wieder vollständig verschwinden. Klassisch sind Sehstörungen (zum Beispiel Flimmern, Zickzacklinien oder blinde Flecken), möglich sind aber auch Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Wortfindungsprobleme; nicht jede Migräne hat eine Aura, und eine Aura kann auch einmal ohne anschließenden Kopfschmerz vorkommen. Viele Betroffene erleben außerdem Vorboten (Prodrom) Stunden bis sogar ein bis zwei Tage vorher, etwa ungewöhnliche Müdigkeit, Reizbarkeit, Heißhunger, häufiges Gähnen, Konzentrationsprobleme oder Nackenverspannungen – das sind keine Einbildungen, sondern können zur Attacke dazugehören. Die eigentliche Schmerzphase hält unbehandelt oder wenn eine Behandlung nicht greift oft mehrere Stunden an und kann bis zu wenigen Tagen dauern; danach folgt manchmal eine „Nachphase“ (Postdrom) mit Erschöpfung, Benommenheit oder einem Gefühl wie nach einem Kater, bevor sich der Alltag wieder normal anfühlt.

Häufige Auslöser und Verstärker
Häufige Auslöser und Verstärker bei Migräne (oft auch „Trigger“ genannt) sind Faktoren, die bei manchen Menschen eine Attacke begünstigen oder Beschwerden intensiver machen können – sie sind aber nicht bei allen gleich und auch nicht immer eindeutig. Viele Betroffene berichten, dass Stress eine Rolle spielt, besonders auch die Entspannungsphase danach (zum Beispiel am Wochenende oder nach einer anstrengenden Zeit). Ebenso können ein unregelmäßiger Schlafrhythmus, zu wenig oder auch zu viel Schlaf und generell „Aus-dem-Takt-Sein“ das Nervensystem empfindlicher machen. Bei vielen Menschen wirken außerdem hormonelle Schwankungen mit hinein, etwa rund um die Menstruation oder in Phasen, in denen sich hormonelle Verhütung oder andere Hormonpräparate verändern.
Migränephasen und Symptome
| Phase | Was du typischerweise bemerken kannst |
|---|---|
| Vorboten (Prodrom) | z.B. Müdigkeit, Reizbarkeit, Heißhunger, häufiges Gähnen, Nackenbeschwerden |
| Aura (bei einem Teil der Betroffenen) | z.B. Sehstörungen, Kribbeln/Taubheit, Wortfindungsprobleme; entwickelt sich oft allmählich und geht wieder weg |
| Nachphase (Postdrom) | z.B. Erschöpfung, Benommenheit, „Katergefühl“ nach der Schmerzphase |
Auch Ernährung und Umweltreize werden häufig als Verstärker erlebt, wobei hier besonders wichtig ist: Es gibt keine universelle Migräne-„Verbotsliste“. Manche reagieren auf Alkohol (zum Beispiel Rotwein), Koffein (oder Koffeinentzug), sehr unregelmäßige Mahlzeiten, zu wenig Flüssigkeit oder einzelne Lebensmittel – andere überhaupt nicht. Zusätzlich können grelles oder flackerndes Licht, starke Gerüche, Lärm, Wetterumschwünge oder viel Bildschirmzeit für ein ohnehin reizempfindliches Nervensystem zu viel sein. Weil Auslöser so individuell sind, hilft oft eher ein Muster zu erkennen als einzelne Dinge pauschal zu meiden: Wenn du über eine Weile beobachtest, was vor Attacken häufiger zusammenkommt (zum Beispiel Schlafmangel plus Stress plus ausgelassene Mahlzeit), wird oft klarer, welche Stellschrauben für dich persönlich wirklich relevant sind.
So wird Migräne abgeklärt
So wird Migräne ärztlich abgeklärt: Im Mittelpunkt steht fast immer das Gespräch (Anamnese), weil Migräne vor allem über typische Muster erkannt wird. Deine Ärztin oder dein Arzt fragt zum Beispiel, seit wann du Kopfschmerzen hast, wie lange einzelne Attacken dauern, wo der Schmerz sitzt, wie er sich anfühlt und ob Bewegung ihn verstärkt. Sehr wichtig sind Begleitsymptome wie Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Lärmempfindlichkeit – und ob es Anzeichen für eine Aura gibt (zum Beispiel Sehstörungen oder Kribbeln), wie sie beginnt und wie lange sie anhält. Oft wird auch nach Auslösern, Schlafrhythmus, Stressphasen, Zyklusbezug, Medikamenteneinnahme und nach Kopfschmerzen in der Familie gefragt. Damit die Abklärung möglichst zuverlässig wird, kann ein Kopfschmerzkalender helfen: Du hältst über einige Wochen fest, wann Beschwerden auftreten, wie stark sie sind, welche Begleitsymptome dabei waren und was du genommen hast – so werden Muster sichtbar, die man aus dem Gedächtnis leicht unterschätzt oder vermischt.
Neben dem Gespräch gehört meist eine körperliche Untersuchung dazu, häufig auch eine kurze neurologische Untersuchung (zum Beispiel Kraft, Gefühl, Reflexe, Koordination), um Hinweise auf andere Ursachen nicht zu übersehen. Bluttests sind bei Migräne nicht automatisch nötig; sie kommen eher dann ins Spiel, wenn aus der Vorgeschichte oder Untersuchung ein anderer Verdacht entsteht (zum Beispiel Entzündung, Stoffwechselprobleme) oder wenn zusätzlich Beschwerden bestehen, die nicht gut zu Migräne passen. Bildgebende Untersuchungen wie MRT oder CT werden bei typischer Migräne häufig nicht routinemäßig gemacht, sondern vor allem zur Ausschlussdiagnostik eingesetzt: also wenn der Verlauf untypisch ist, sich Kopfschmerzen neu und deutlich anders entwickeln oder wenn neurologische Auffälligkeiten bestehen. Das Ziel ist dann nicht, „Migräne im Bild zu sehen“, sondern sicherzugehen, dass keine andere Erkrankung hinter den Symptomen steckt. Gleichzeitig ist es normal, dass die Abklärung manchmal mehrere Termine braucht – gerade wenn Aura-Symptome oder gemischte Kopfschmerzformen im Raum stehen.
Angaben im Kopfschmerzkalender können die Abklärung oft noch treffsicherer machen:
- Notiere, ob der Kopfschmerz dich aus dem Schlaf weckt oder ob er eher im Tagesverlauf startet – das kann für die Einordnung relevant sein.
- Halte fest, ob du an den Kopfschmerztagen zusätzliche neue Symptome hast (z.B. Fieber, Hautausschlag, steifer Nacken, anhaltende Sehstörungen), auch wenn sie nur kurz auftreten.
- Schreibe auf, ob es Tage mit sehr ähnlichen Beschwerden gibt, aber ohne typische Begleitsymptome (z.B. ohne Übelkeit oder Licht-/Lärmempfindlichkeit) – manchmal mischen sich unterschiedliche Kopfschmerzformen.
- Wenn du schon Medikamente ausprobiert hast, dokumentiere vor allem, ob sie zuverlässig helfen oder ob du trotz Einnahme lange stark eingeschränkt bist – das kann für die weitere Strategie wichtig sein.
Behandlung und Warnzeichen im Blick
Behandlung und Warnzeichen im Blick zu behalten heißt bei Migräne vor allem: Du brauchst einen Plan für die Akuttherapie (wenn die Attacke da ist) und – falls nötig – für die Vorbeugung. In der Akutphase kommen je nach Situation unterschiedliche Medikamentengruppen infrage, zum Beispiel klassische Schmerzmittel oder spezielle Migränemittel (Triptane); wenn Übelkeit stark ist, kann auch eine Behandlung dagegen ein Baustein sein. Wichtig ist weniger „das eine richtige Mittel“ als das passende Timing und eine Strategie, die zu deinen Beschwerden passt – und die realistisch im Alltag funktioniert. Wenn Attacken häufig sind, kann eine vorbeugende Behandlung sinnvoll sein: Dazu zählen nicht-medikamentöse Maßnahmen (wie Schlafrhythmus stabilisieren, regelmäßige Pausen, Ausdauerbewegung, Entspannungstechniken) und je nach Bedarf auch vorbeugende Medikamente, die das Nervensystem insgesamt weniger reizempfindlich machen sollen. Häufig ist es ein Ausprobieren mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, bis Wirkung, Verträglichkeit und Lebenssituation gut zusammenpassen.
Warning
Bei plötzlich stärkstem Kopfschmerz, neuen Lähmungen/Sprach- oder Sehstörungen, Verwirrtheit, Krampfanfällen oder Fieber mit Nackensteife solltest du dich sofort medizinisch abklären lassen.
Gleichzeitig ist es wichtig, Warnzeichen ernst zu nehmen, weil nicht jeder starke Kopfschmerz automatisch Migräne ist – auch wenn du Migräne kennst. Zeitnah oder sofort medizinisch abklären lassen solltest du Beschwerden vor allem dann, wenn ein Kopfschmerz ganz plötzlich einschießt und ungewöhnlich heftig ist, wenn neue neurologische Ausfälle auftreten (zum Beispiel Lähmungen, deutliche Gefühlsstörungen, Sprach- oder Sehstörungen, Verwirrtheit), wenn Krampfanfälle dazukommen oder wenn der Kopfschmerz mit Fieber und Nackensteife einhergeht. Auch nach Kopfverletzungen, bei neuartigen Kopfschmerzen, die sich rasch verändern, oder wenn du dich insgesamt schwer krank fühlst, ist eine schnelle Abklärung sinnvoll.
Du hast einen Befund wegen Kopfschmerzen bekommen?
In diesem Artikel geht es nur um eine allgemeine Einordnung von Migräne und typischen Abklärungsschritten. Wenn du deinen Befund (z.B. MRT-Befund) besser verstehen willst, kannst du ihn hier anonym hochladen und in verständlicher Sprache erklären lassen. So bekommst du eine klare Orientierung, was im Bericht steht und was es für dich bedeuten kann.
Zusammenfassung
Bei Migräne geraten Netzwerke der Reiz- und Schmerzverarbeitung im Gehirn vorübergehend aus dem Gleichgewicht, oft begünstigt durch eine vererbte Empfindlichkeit. Im Alltag zeigt sich das häufig als wiederkehrende Attacke mit einseitigem, pochendem Kopfschmerz plus Übelkeit sowie Licht- und Lärmempfindlichkeit, manchmal auch mit Aura und Vorboten. Welche Trigger eine Attacke anstoßen, ist sehr individuell, weshalb ein Kopfschmerzkalender oft hilft, Muster zu erkennen und die Abklärung zu erleichtern. Ärztlich wird Migräne meist über Gespräch und Untersuchung eingeordnet, während MRT oder CT vor allem bei untypischem Verlauf oder Warnzeichen zum Ausschluss anderer Ursachen genutzt werden.
Frequently Asked Questions (FAQ)
Sources
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne (AWMF-Registernummer 030-057) [Internet]. Berlin: AWMF; 2025 [zitiert 22. Feb. 2026].
Verfügbar unter: https://www.awmf.org/aktuelles-und-angebot/awmf-aktuell/therapie-der-migraeneattacke-und-prophylaxe-der-migraene
- International Headache Society. International classification of headache disorders (ICHD) [Internet]. o. O.: International Headache Society; o. J. [zitiert 22. Feb. 2026].
Verfügbar unter: https://ihs-headache.org/en/resources/ichd/
- The International Classification of Headache Disorders 3rd edition (ICHD-3). 1.3 chronic migraine [Internet]. o. O.: International Headache Society; o. J. [zitiert 22. Feb. 2026].
Verfügbar unter: https://ichd-3.org/1-migraine/1-3-chronic-migraine/
- National Health Service (NHS). Migraine [Internet]. London: NHS; o. J. [zitiert 22. Feb. 2026].
Verfügbar unter: https://www.nhs.uk/conditions/migraine/
- National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Headaches in over 12s: diagnosis and management. Recommendations [Internet]. London: NICE; 2012 [zitiert 22. Feb. 2026].
Verfügbar unter: https://www.nice.org.uk/guidance/cg150/chapter/recommendations
- NHS inform. Migraine [Internet]. Edinburgh: NHS inform; o. J. [zitiert 22. Feb. 2026].
Verfügbar unter: https://www.nhsinform.scot/illnesses-and-conditions/brain-nerves-and-spinal-cord/migraine/
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